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Jung sein in Stahlberg

 

Der Jugendraum steht allen Jugendlichen von Stahlberg zur Verfügung und kann gerne genutzt werden. 

Ebenfalls kann er für Veranstaltungen und private Feiern gemietet werden. 

 

Anfragen zu Nutzung durch die Jugendlichen oder Mietanfragen bitte an Bernd Wirth richten.

 

Interview von Ronja Labudda und Albert Arndt zum Thema "Jugend in Stahlberg"

Schulklasse Jahrgang 1929/1930

Ich bin Ronja und ich bin selber eine Stahlbergerin, die ihre Jugend auf dem Stahlberg verbringt und auch die meiste Zeit ihrer Kindheit dort verbracht hat. Im Rahmen unserer Webseite möchte ich gerne meinen Großvater interviewen, der seine Jugend ebenfalls auf dem Stahlberg verbracht hat.

 

 

Audiodatei

 

 

Transkript

Transkription des Interviews von Ronja Labudda und Albert Arndt am 06.06.2024 in Rockenhausen für den Internentauftritt der Gemeinde Stahlberg 

 

Ronja: Ich bin Ronja und ich bin selber eine Stahlbergerin, die ihre Jugend auf dem Stahlberg verbringt und auch die meiste Zeit ihrer Kindheit dort verbracht hat. Im Rahmen unserer Webseite möchte ich gerne meinen Großvater interviewen, der seine Jugend ebenfalls auf dem Stahlberg verbracht hat. Opa, kannst du dich bitte kurz vorstellen und erzählen, wann und wo du geboren wurdest? 

 

Albert: Ich heiße Albert Arndt und bin am 24.12.1948 in Rockenhausen im heutigen Krankenhaus geboren. Der Stahlberg ist meine Heimatgemeinde. Dort habe ich bis 1971 gelebt. Glücklicherweise ist der Kontakt bis heute auch dank familiärer Bindungen nicht abgerissen. 

 

Ronja: Okay, kommen wir zu den frühen Jahren. Wie war deine Kindheit im Stahlberg? Also, was sind deine frühesten Erinnerungen an das Dorf?

 

Albert: Meine Kindheit war unbeschwert, wohlbehütet und frei. Gesicherte Erinnerungen bestehen ab dem 6. Lebensjahr, zum Beispiel bei meiner Einschulung oder der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Die Schulentlassung und der Beginn der Lehre meines Bruders. Aber auch andere Dinge wie zum Beispiel unser Hund Lotte und die tollen Spaziergänge mit meinem Opa erinnere ich mich sehr gerne. 

 

Ronja: Okay, zum Alltag und zum Familienleben habe ich eine Frage. Und zwar, wie sah ein typischer Tag in deiner Familie aus? Also, hattet ihr irgendwelche Rituale oder Traditionen? 

 

Albert: Der Arbeitstag begann in aller Regel recht früh. Glücklicherweise lebten meine Großeltern, meine Eltern und wir Kinder in einem Haus, sodass jeder seine spezielle Arbeit hatte. Dennoch blieb das meiste an meiner Mutter hängen. Vater arbeitete als Maurer, zunächst im Saarland und ab 1957 in Rockenhausen, sodass er entweder die ganze Woche über oder zumindest tagsüber im Sommer nicht zu Hause war. Im Winter waren die Männer arbeitslos. Dann standen Arbeiten wie zum Beispiel Körbe flechten oder Leitern herstellen an. Ein typischer Arbeitstag sah wie folgt aus: Zunächst wurden die Tiere versorgt. Wir hatten Ziegen, Hühner und den Hund. Dann wurden die Vorbereitung und das Kochen des Essens angegangen. Im Sommer gab es genug Gartenarbeit. Meine Mutter ging oft als Tagelöhnerin mit zu anderen Arbeiten, zum Beispiel Kartoffeln lesen oder zu forstwirtschaftlichen Tätigkeiten wie das Setzen von Bäumen. (Mein) Opa musste als Gemeindediener schon früh nach Dielkirchen oder Rockenhausen laufen und auch täglich nach Schönborn zur Pumpstation bzw. nach Ransweiler, um zu sehen, ob die Wasserpumpen auch tatsächlich funktionierten. Im Winter war es natürlich etwas ruhiger. Da musste zunächst, sobald Schnee gefallen war, dieser geräumt werden. Vor dem Haus auf der Straße und manchmal sogar bis zum Neubau hinunter. Besonders heftig waren die Tage, an denen geschlachtet wurde. Aber auch die Zeit der Wintervorbereitung, zum Beispiel zur Herstellung von Sauerkraut und so weiter, war sehr intensiv und anstrengend. Ebenso die Vorbereitung von Festen wie zum Beispiel die Kerbe oder auch Familienfeiern. Denn da rückte die gesamte Verwandtschaft an und hatte einen großen Hunger. Meine Aufgaben bestanden oft darin, Geschirr zu spülen, mitzuhelfen beim Holzsammeln, Ernten von Äpfeln, Birnen und so weiter oder auch die Straße zu kehren. 

 

Ronja: Also hattest du auch schon früh feste Aufgaben im Haushalt und hast viel mitgeholfen?

 

Albert: Ja, das ist richtig. So weit das als Kind natürlich ging. Zu den Traditionen gehörte es, dass es samstags abends nach dem Baden warmer Kakao mit Zimtwecken gab. Darauf freute sich jeder und anschließend wurde intensiv, lang und lustig ein Spielabend veranstaltet. Ein eigenes Fernsehgerät hatten wir übrigens erst ab 1958, pünktlich zur nächsten Fußball-WM. 

 

Ronja: Okay, kommen wir jetzt zu deiner Schulzeit und Ausbildung. Wie war die Schule in Stahlberg damals und hattest du ein Lieblingsfach oder einen bestimmten Lieblingslehrer? 

 

Albert: Alle acht Klassen waren in einem Raum untergebracht, in der Spitze teilweise über 50 Kinder. Ein Lehrer unterrichtete alle, meistens die Klassen 3 bis 4 mit einem eigenen Thema und die Klassen 4 bis 6 ebenfalls mit einem anderen Themenbereich. Das hat insgesamt ordentlich funktioniert, denn die Kinder waren damals überwiegend brav. Da ich in der gesamten Schulzeit nur zwei Lehrer hatte, kann die Frage nach einem Lieblingslehrer sogar entfallen. Jeder hatte seine Stärken und seine Schwächen. Lieblingsfächer hatte ich natürlich auch, zum Beispiel Deutsch und Geschichte. Außer Kunst und Sport mochte ich eigentlich alles ganz gerne. Etwas Abwechslung brachte die Winterzeit, wenn auch nachmittags Unterricht war. Meistens gingen wir dann zum Schlittenfahren. Beliebt war auch das Einüben unserer alljährlichen Theaterstücke. Übrigens, die Schule befand sich damals im heutigen Bürgerhaus. Diese Schule war eine protestantische Grundschule, und das bedeutete, dass katholische Kinder dann ein Schulgeld zu zahlen hatten. 

 

Ronja: Und was hast du nach der Schule gemacht? Also jetzt bezüglich Hobbys und Freizeitbeschäftigungen, die dir besonders Spaß gemacht haben? 

 

Albert: Im Sommer bauten wir im Wald Hütten. Wir fuhren Rad, spielten Fußball und so weiter. Und an der Linde trafen wir uns allabendlich zum Spielen, zum Beispiel Verstecken. Beliebt war aber auch bei uns, Cowboy und Indianer zu spielen. Im Winter lag natürlich Schlittenfahren und Skifahren, Schneeballschlachten und so weiter, Schneemänner bauen eindeutig im Vordergrund. 

 

Ronja: Ich finde, dass wir auf dem Stahlberg eine sehr gute Dorfgemeinschaft haben, und deswegen will ich von dir wissen, wie die Dorfgemeinschaft damals war. Also, wie wichtig war die Dorfgemeinschaft für dich und hattest du viele Freunde und was habt ihr alles gemeinsam gemacht? 

 

Albert: Insgesamt war die Dorfgemeinschaft überwiegend gut. Die Kommunikation untereinander war ausgeprägt. Zum Beispiel abends beim Milch abliefern oder wenn man sich mit den Nachbarn zu den berühmten Maiabenden traf. Gemeinsame Ausflüge gehörten ebenfalls zum Ritual, die meistens vom Gesangverein ausgerichtet wurden. Meine besten Freunde waren in dieser Zeit Ben, Frank und Klaus. Aber auch mit den anderen Kindern kam ich gut aus und wir spielten oft zusammen als ganze Dorfgemeinschaft. Mit knapp 15 war die Kinderzeit natürlich bei fast allen vorbei, weil jeder von uns eine Lehre begann. Das betraf die meisten von uns, da kaum jemand eine weiterführende Schule besuchte. 

 

Ronja: Okay, und gab es irgendwelche besonderen Feste oder Veranstaltungen, auf die du dich besonders gefreut hast? 

 

Albert: Es gab schon immer schöne Feste auf dem Stahlberg bzw. Neubau. Zum Beispiel die Kerbe, Theateraufführungen des Gesangvereins oder die berühmten Sängerfeste. Manchmal kam es auch vor, dass ein fahrender Händler zu einer Filmvorführung auf dem Stahlberg auftauchte. Dann wurde im Freien, meistens an der Linde, ein Film aufgeführt. Das war ein Stück andere Welt. Höhepunkte bildeten auch die Sportveranstaltungen unseres Fußballvereins auf dem Neubau. 

 

Ronja: Ja, wo wir schon bei den Filmen sind und bei der neuen Welt, würde mich besonders die Veränderung interessieren, die du im Dorfleben über die Jahre beobachtet hast. Also, welche technischen Entwicklungen oder Veränderungen hast du in deiner Jugend miterlebt und wie hat sich das Leben im Dorf durch die Technologie und Infrastruktur verändert? 

 

Albert: Das stark landwirtschaftlich geprägte Leben ging Mitte der 60er Jahre langsam zu Ende. Alle Betriebe auf dem Stahlberg waren zu klein, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Neue Arbeit für die bisherigen Landwirte boten damals die frisch gegründeten Firmen Keiper und Michelin an, wo viele Landwirte später hin wechselten. Landwirtschaftliche Maschinen, zum Beispiel Mähdrescher oder Traktoren, ersetzten die bisherigen Geräte und Zugtiere. So fiel zum Beispiel eine Dreschmaschine, die von Bauer zu Bauer fuhr und Herrn Kulmann gehörte, weg. Herr Kulmann kam aus der Vorderpfalz. Dieser war für uns Jungen immer ein Beispiel für Solidität und auch Spaß, den er verbreiten konnte. Denn er konnte etwas, was wir nicht konnten, nämlich einen Handstand machen und dabei auf den Händen laufen. Für die Arbeiter gab es natürlich auch Veränderungen. Diese waren aber nicht so stark, da ohnehin immer auswärts gearbeitet werden musste. Nur ganz wenige hatten auf dem Stahlberg selbst Arbeit. Einige der Arbeiter sattelten ebenfalls um, gingen auch zu Keiper oder zu Michelin. Dort verdiente man einfach besser, arbeitete im Trockenen und hatte regelmäßige Arbeitszeiten. Soziale Veränderungen, die wirklich beträchtlich waren, entstanden dadurch, dass es Mitte der 60er Jahre fast in jeder Familie ein eigenes Auto und einen Fernseher gab. Man war so nicht mehr auf den Nachbarn oder die öffentlichen Postbusse angewiesen. Dadurch litt jedoch die Dorfgemeinschaft sehr. Jeder lebte jetzt nur noch für sich alleine. 

 

Ronja: Und jetzt noch zum direkten Vergleich zu heute. Wie denkst du, hat sich das Leben vor allem für die Jugend in Stahlberg von damals bis heute geändert? Und gibt es Dinge, die du vermisst oder die heute besser sind?

 

Albert: Früher war der Kontakt über die Dorfgrenzen hinaus doch sehr, sehr eingeschränkt. Kontakte zu anderen Dörfern gab es meistens erst im Konfirmationsalter oder beim Besuch einer weiterführenden Schule, beziehungsweise mit dem Beginn des Berufslebens. Als die Dorfschulen aufgelöst wurden und zentrale Bildungseinrichtungen geschaffen wurden, konnten neue Kontakte geknüpft werden. Der Horizont wurde dadurch beträchtlich erweitert. Auch Reisen in andere Länder machten einem bewusst, dass die Welt doch größer war, als unsere Dorfgrenzen aufzeigten. Auch ich musste mich erst daran gewöhnen, fremde Menschen kennenzulernen und diese als Partner anzunehmen. Früher war eine Fahrt nach Rockenhausen oder sogar nach Kaiserslautern, beziehungsweise nach Bad Kreuznach, schon ein riesiges Erlebnis. Jetzt, als jeder ein Auto hatte, konnte man hinfahren, wo man wollte. 

 

Ronja: Und noch zum Abschluss zum Thema Veränderung. Gibt es etwas, dass du der heutigen Jugend gerne mit auf den Weg geben würdest, dass du über die Jahre gelernt hast? 

 

Albert: Jede Zeit hat ihre Licht- und Schattenseiten. Früher war es nach meiner Meinung nicht besser als heute, nur eben anders. Manches war jedoch wahrscheinlich nicht ganz so hektisch. Man hatte das Gefühl, mehr Zeit zu haben. Jedenfalls waren die Menschen genügsamer, da sie viele Dinge, die heute Alltag sind, nicht kannten. Es war vollkommen klar, dass man auch gestopfte Strümpfe oder genähte Hosen oder neu besohlte Schuhe wieder tragen musste. Die Reizüberflutung entstand erst in den letzten Jahren und auch die Gier nach immer mehr wurde langsam immer stärker. Der Egoismus wuchs. Es ist schön, wenn ihr nicht die gleichen Fehler machen würdet wie wir. Wir hinterlassen der heutigen Jugend unendlich viele Probleme. Aber ich kann nur auffordern, packt sie an, zögert nicht, sie zu beseitigen. Denn es gibt nur diese eine Chance. Es bleibt zu hoffen, dass endlich wieder Vernunft einkehrt und die Menschen zur Besinnung kommen. Trotz allem, wehrt euch gegen die Parolen aller extremistischen Parteien. Einfache Lösungen gibt es nicht. Die Lösung der Probleme geht nur gemeinsam. Also verteidigt die Demokratie und eure Freiheit. Privat wünsche ich euch mehr Zusammenhalt und dass ihr in Frieden und Freiheit leben könnt. 

 

Ronja: Vielen Dank, dass du dein Wissen mit uns geteilt hast. Und ich habe noch eine Frage. Also beziehungsweise noch zwei Fragen. Und zwar gibt es noch eine besondere Geschichte oder ein Detail, das du noch gerne teilen möchtest, dass wir bisher noch nicht besprochen haben? 

 

Albert: Eine kleine Geschichte möchte ich noch gerne erzählen, die fast unser gesamtes Dorf, also alle Einwohner betraf. Früher kamen regelmäßig sogenannte „fahrende Händler“, die alles Mögliche anboten in die Dörfer. Einer davon bot regelmäßig Küken zur Aufzucht an. Und jeder hatte ja Hühner zu halten, sodass fleißig eingekauft wurde. Doch bald stellte sich heraus, dass diese keine Legehennen, sondern nur Hähne waren. Der Ärger war natürlich zu Recht riesengroß. Der Vorteil aber war, dass jetzt öfters Hähnchen gegessen werden konnte. 

 

Ronja: Vielen Dank und dann noch als abschließende Frage. Wie siehst du die Zukunft von Stahlberg und was wünschst du dir für die kommenden Generationen im Dorf? 

 

Albert: In allen Kommunen gibt es bereits erhebliche Strukturprobleme. Nicht nur in den Städten, sondern auch in den kleinen Gemeinden sind diese Probleme vorhanden. Es besteht aber die Gefahr, dass die Kleinen die Verlierer sein werden. Die Überalterung der Einwohnerzahl, fehlende Infrastrukturen, Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, fehlende Buslinien, Kinderbetreuung, IT-Anschlüsse, Autobahnanbindungen sind einige der Dinge, die uns zu schaffen machen. Viele Häuser werden künftig leer stehen. Und es stellt sich dann die Frage, wer kann auch die Kosten für die Straßenunterhaltung, den Ausbau der Wasserversorgung oder der Abwasserentsorgung aufbringen? Und so besteht die Gefahr, dass manche Gemeinde zu einer reinen Schlafgemeinde verkommt. Gelingt es, Bürger von außerhalb anzusiedeln, müssen diese aber auch bereit sein, sich am dörflichen Leben zu beteiligen. Dafür muss natürlich etwas getan werden. Und hierzu müssen sowohl die Neubürger als auch die Alteingesessenen aufeinander zugehen. Ist dies nicht der Fall, zerfällt das Dorf und die Gemeinschaft früher oder später. Um das zu vermeiden, müssen alle, von der Verwaltungsgemeinde angefangen bis hin zur EU, dieses Thema ernstlich aufnehmen und Änderungen anbieten. Dort, wo es sinnvoll ist, muss etwas für den Tourismus getan werden. Allerdings ohne die natürlichen Ressourcen aufzugeben. Stahlberg hat eine gute Chance, auch dank der schon eingeleiteten Maßnahmen, die nächsten Jahrzehnte zu bestehen. Das wünsche ich meinem Heimatdorf und allen Stahlbergern von ganzem Herzen. 

 

Ronja: Sehr schön gesagt. Ja, dann möchte ich dir danken, dass du dir die Zeit genommen hast und deine Erinnerungen und Erlebnisse mit uns geteilt hast. Wir freuen uns sehr, diese Geschichten weitertragen zu können und an alle, die sich für das Dorf und die Geschichte von Stahlberg interessieren.